Warum nicht Daten, sondern Menschen schützenswürdig sind

Der grüne Europaparlamentarier Jan-Philip Albrecht ist wohl einer der engagiertesten Politiker, wenn es um Datenschutz geht. Er ist Berichterstatter des Europaparlaments bei der Reform der EU-Datenschutzverordnung und beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie mit Daten in einer zunehmend vernetzten Gesellschaft umgegangen werden sollte. Für st_ry hat er mir erzählt, was in seinen Augen derzeit wichtig ist in Sachen Datenschutz.

“Es geht nicht mehr um die Daten, die sind nicht schützenswürdig. Die Menschen sind schützenswürdig und die Informationen, die über sie zusammengeführt werden.” Der Satz sitzt. Ich sitze mit Jan-Philip Albrecht vor dem Café Knuth in Hamburg Ottensen in der Sonne, der Kaffee schmeckt nach Urlaub, aber was Albrecht erzählt klingt nach Arbeit. Recherchearbeit.

„Es gibt Firmen wie Arvato Infoscore oder Thomsen Reuters, von denen kaum einer etwas weiß. Die sammeln, was sie an Informationen in die Finger bekommen und versuchen, daraus Profile zu bilden.“

Jan-Philip Albrecht berichtet mir vom Kerngeschäft dieser Firmen: zielgerichtete Werbung und Banken und Versicherungen, die wissen möchten, ob ihre potentiellen Kunden kreditwürdig oder risikobehaftet sind.


Wer weiß was?

Das Problem: Wie das passiert, welche Informationen wo gesammelt werden, wer sie weitergegeben hat, wie diese Daten gewichtet werden, welchen Einfluss sie auf das Ergebnis der Berechnung haben – das weiß niemand. „”Das ist das Unsichtbarste, was derzeit stattfindet”, meint Albrecht “Das Problem der IP-adressenspeicherung ist 90ies.“

Ich merke, wie sehr ihn das Thema beschäftigt und am Herzen liegt. „Die sagen nicht, dass sie das tun, sie sagen nicht, was sie tun, sie versuchen alles unter Berufung auf das Geschäftsgeheimnis zu verschleiern, die Logik hinter den Prozessen wird nicht offenbart. Und sie wollen nicht, dass es einen gesetzlichen Rahmen für ihre Tätigkeiten gibt, weil sie das in ihrem Handeln beschränken würde.

Zwar gibt es diesen gesetzlichen Rahmen bereits seit einigen Jahren, doch die bestehende EU-Datenschutzverordnung ist nach Albrechts Meinung zu lasch und nicht durchsetzbar.

„Vieles vom bestehenden Recht wird nicht angewendet. Es gibt ein massives Durchsetzungsdefizit. Denn wenn man versucht einen Datensatz löschen zu lassen, gibt es viele Schlupflöcher. Die Firmen können sich je nach Anfrage aussuchen, welches Recht von welchem EU-Land sie nehmen. Dadurch würde es Jahre dauern, bis man seinen Wunsch durchzusetzen kann. Das macht doch keiner.“

Europa gegen Facebook – David gegen Goliath

Er erzählt vom Österreicher Max Schremms, der derzeit versucht genau diesen Prozess bis zum Ende durchzukämpfen. Sein Endgegner: Facebook. Auf europe-v-facebook.org dokumentiert er seinen Kampf, um den Kampf überhaupt bezahlen zu können gründete er die Crowdfunding-Plattform crowd4privacy.org. Eine Mammutaufgabe. Ich beschließe, auf jeden Fall Max zu kontaktieren.

Jan-Philip Albrechts Wunsch: Er möchte, dass jeder Bürger das Recht hat, zu wissen, wer was über ihn weiß, dass Firmen, die mit solchen Daten arbeiten die Einwilligung der Bürger brauchen und dass jeder unkompliziert die ihn betreffenden Datensätze löschen lassen kann.

Jan-Philip Albrecht (Grüne) will, dass jeder selbst bestimmen darf, was mit seinen Daten passiert

Jan-Philip Albrecht (Grüne) will, dass jeder selbst bestimmen darf, was mit seinen Daten passiert

Ihm ist klar, dass es für viele Firmen wichtig ist zu wissen, mit wem sie es zu tun haben, ob der potentielle Kunde vertrauenswürdig ist. Gerade im Internetzeitalter, wo es leichter ist als früher zu betrügen oder seine Identität zu verschleiern sind diese Dienstleistungen wichtig.

„Ich will ein Recht zu widersprechen!“

„Banken wollen wissen, wie hoch ein Risiko ist. Das ist verständlich. Die Frage ist, wollen wir, dass sie das ohne konkret beschriebene Rechtsgrundlage machen und ohne dass ich weiss, was die da machen und welche Daten welche Auswirkungen haben?“, fragt Albrecht. „Ich möchte entscheiden können. Ich möchte das Recht zu wissen was da passiert. Ich will das niemanden verbieten, aber ich will, dass die Leute wissen, worum es geht und dem auch widersprechen können.“

Seine konkrete Befürchtung: Dass Kunden und Bürger durch Profiling und Scoring Benachteiligungen erfahren könnten. Zum Beispiel dadurch, dass sie aufgrund ihrer Herkunft, ihres Elternhauses, ihres Wohnortes oder anderer Parameter unberechtigterweise für unseriös erklärt werden könnten. Oder indem die Firmen individuelle Angebote machen, die nicht zum Vorteil der Kunden sind.

Individuelle Angebot – zu unser aller Schlechtesten?

Albrecht erzählt von Plänen aller Airlines nur noch mit Buchungsgesellschaften zusammen zu arbeiten, bei denen sich die Kunden einloggen müssen. So wüßten die Fluggesellschaften immer, mit wem sie zu tun haben und könnten angepasste Angebote machen.

„Wenn die dann mitkriegen, dass ich immer einen bestimmten Flug nach Brüssel nehmen muss könnte es passieren, dass ich auf einmal immer den höchsten Preis angezeigt bekomme, obwohl andere viel billiger fliegen. Und ich würde es nicht mal merken.“ befürchtet Albrecht. Nur eins von vielen denkbaren Szenarios.

Albrecht gibt mir noch Literaturtipps mit auf den Weg: Die Bücher „Big Data“ und „Delete – the right to be forgotten“ von Victor Mayer-Schönberger seien sehr gute Standartwerke zu diesen Problemen. Da haben wir wohl noch gut was zu lesen.

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