Wie das „Guter Kunde, schlechter Kunde“-Spiel funktioniert

Der erste st_ry-Dreh hat uns gestern nach Neuss gespült, wo in einem unscheinbaren Industriegebiet die Firma Creditreform sitzt. Die setzen ca 500 Mio im Jahr damit um, dass sie mit ihren Mitgliedern das „Guter Kunde, schlechter Kunde“-Spiel spielen. 

Das Spiel geht so: Die Spieler sagen dem Spielleiter (Creditrefom) mit welchem Unternehmen oder Privatmenschen sie gute und weniger gute Erfahrungen gemacht haben. Parallel sucht der Spielleiter bei den potentiellen Kunden nach (öffentlich zugänglichen) Pech-Kärtchen, auf denen steht, dass sie kein Geld mehr haben, eine Privatinsolvenz beantragt haben oder anderweitig in finanziellen Schwierigkeiten stecken

Big Player im Scoring-Spiel: Creditrefom in Neuss

Big Player im Scoring-Spiel: Creditrefom in Neuss

Außerdem sucht der Spielleiter parallel nach anderen Informationen wie Wohnort, Alter, Geschlecht etc, die eventuell vielleicht etwas darüber aussagen könnten, wie zahlungsfreudig und solvent ein Mensch ist.

Diese Informationen wirft der Spielleiters dann in seine Rechenzauberkiste und mit Hilfe einer geheimen Formel berechnet diese dann einen Wert für den Kunden – den Score (ist natürlich auf englisch, weil es professioneller klingt). Je besser der Score, desto Hurra!

Gute Scores, schlechte Scores…

Blöd ist nur, wenn dieser Wert dann falsch ist und nicht der Realität entspricht, weil z.B. Informationen falsch gewertet wurden. Dann hat der Spielleiter erfolgreich ein Geschäft verhindert und allen Ärger bereitet, obwohl er eigentlich diesen verhindern soll. Aber weil die Zauberformel nach der gerechnet wird geheim ist, kann man oft gar nicht so genau nachvollziehen, wo der Fehler lag.

Manchmal liegt nur so etwas läppisches wie eine Namensverwechslung vor. In anderen Fällen (die ich hier schon beschrieben habe), war die einzige Info, die ein Scoring-Unternehmen hatte der Wohnort und das hat gereicht, um ein Sky-Abo zu verwehren. Spiel dumm gelaufen.

Gut, so hat mir das Creditrefom-Pressesprecher Michael Bretz gestern nicht erklärt. Aber so würde ich das Ganze in etwa einem Laien beschreiben.

Pressesprecher von echtem Schrot und Korn: Michael Bretz von Creditreform

Pressesprecher von echtem Schrot und Korn: Michael Bretz von Creditreform

Herr Bretz war natürlich (das ist sein Job) der Meinung, dass Scoring im Grunde nur hilfreich ist und zwar für alle: Für die Kunden, die schnell eine Ware oder eine Dienstleistung haben wollen. Und für die Unternehmen, die wissen möchten, mit wem sie da Geschäfte machen. Schnell nachgefragt, wie hoch der Score ist und dann Deal gemacht oder verweigert. Toll! Oder? Bretz kann das Konzept auf jeden Fall gut verkaufen.

Zugegeben: Die Grundidee dahinter erschließt sich mir schon. Wer will schon Kunden, die nicht zahlen? Und welcher Kunde will diese Ausfälle in der Querkalkulation mittragen? Wer will Unternehmen, die ultraskeptisch auf Vorrauskasse beharren und einen per se wie einen potentiellen Betrüger behandeln, weil sie Schiss haben?

Aber trotzdem ruft Scoring Unbehagen hervor. Zum einen wegen der mangelnden Transparenz, wie Steve Rückwardt mir auf Twitter schrieb:

There was a problem connecting to Twitter.

Selbstauskunft macht Selbstarbeit

Seit 2010 müssen die Firmen einem einmal im Jahr und kostenfrei mitteilen, was sie über einen wissen. Aber: Auch DAS muss man erstmal wissen. Und: Sich so eine Selbstauskunft zu holen ist wieder Arbeit und Mühe, die die meisten nicht bereit sind zu investieren oder schlichtweg nicht haben. Andere Prioritäten und so.

Dafür gibt es wiederum Anbieter wie selbstausfkunft.net, die für einen bei 5 Anbietern kostenlos nachfragen, was die so wissen. Wer mehr Anbieter ausfragen will, muss mindestens 4,95€ investieren, dann kann man überall nachfragen. Ich hab das letzte Woche gemacht und warte jetzt gespannt auf Post.

Dass Scoring-Firmen keine Riesenfans von Datenschutzgesetzen sind kann man sich ja denken. Bretz stöhnte leise auf ob unserer strengen Gesetze in Deutschland, von Lobbying in Brüssel, von dem mir Jan-Philipp Albrecht erzählte, will er jedoch nichts wissen oder mitbekommen haben. „Wir sind eine Firma mit Sitz in Deutschland, da nützen uns laschere EU-Gesetze nicht.“ meinte er.

Macht tolle Bilder, tolle Filme und tolle Konstruktionen: Sebastian. Hier mit Beamerkamera auf der Schulter.

Macht tolle Bilder, tolle Filme und tolle Konstruktionen: Sebastian. Hier mit Beamerkamera auf der Schulter.

Bretz hatte aber noch eine andere Erklärung für das Unbehagen: vielleicht ist es auch einfach das Gefühl, meinte er, dass man es nicht mag, wenn einen einer bewertet und eine Note ans Revers heftet. Ungefragt. Und oft ohne, dass man das mitbekommt.

Kunden, die „PRISM nicht mochten, mögen auch „Scoring“ nicht

Wir Deutschen (das ist jetzt meine Meinung) haben ja historisch gesehen so unsere Probleme mit geheimer Beobachtung, Rasterung, Bewertung. Finden wir doof. Zu Recht. Gut, nicht alle. Aber dieselben Leute, die klug genug sind, PRISM und Co nicht zu mögen, mögen auch Scoring nicht.

Mich stört ausserdem diese Datengläubigkeit. Bretz betonte, wie toll es sei, dass Daten und Algorythmen so objektiv seien. Diese Diskussion kam mir bekannt vor. Kritiker entgegen, dass Algorhythmen auch beeinflusst seien, nämlich von denen, die sie programmieren. Wie wichtet man einen Datensatz? Wie berechnet man den Score? Ändert man diese Parameter können für dieselben Daten völlig unterschiedliche Ergebnisse heraus kommen. Und der solvente Kunde wird auf einmal zum Bettelmönch.

Außerdem geht beim Scoring auch immer was schief. Siehe oben. Das ist oft kein Weltuntergang, aber insgesamt ziemlich ärgerlich. Ich bin jetzt gerade auf dem Weg zu Alvar Freude nach Stuttgart. Der hat schon solche Erfahrungen gemacht und wird mir gleich davon erzählen.

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