Wie Scoring daneben gehen kann

Alvar Freude ist im Netz bekannt als Aktivist des (zur Zeit eher inaktiven) AK Zensur und meinungsstarker Blogger. Hauptberuflich hat er es mit Computern, Programmieren und Datenbanken zu tun – all das zusammen ergibt einen Menschen, der mit seinen Daten eher sparsam umgeht. Genau das wurde ihm zum Verhängnis.

Als Alvar sich nämlich letztes Jahr eine Bahncard 100 kaufte, bot ihm die Bahn eine kostenlose Kreditkarte dazu an. Diese kostet normalerweise ein paar Euro im Jahr, für ihn sollte sie umsonst sein.

So sehen miese Kunden aus. Meint die Commerzbank.

So sehen miese Kunden aus. Meint die Commerzbank.

„Da dachte ich mir, dass das doch ganz praktisch für das Geschäftskonto sein könnte“, erzählt mir Alvar, als wir uns auf seiner Couch in seiner Wohnung in Stuttgart niedergelassen haben. Als Selbstständiger hat er zwei Konten, für das Privatkonto gab es schon länger eine Kreditkarte, aber halt geschäftlich noch nicht. Antrag ausgefüllt, eingeschickt. Fertig. Dachte er.

Doch die Commerzbank, die mit der Deutschen Bahn bei diesem Angebot zusammen arbeitet, verweigert ihm überraschenderweise die Karte. Die Erklärung: Er hätte zwar keine negative Schufa-Auskunft, aber die anderen Daten, die man über ihn habe hätten ergeben: Alvar sei wahrscheinlich ein mieser Kunde. Hohes Ausfallrisiko. Danke, aber Nein Danke. Auf Wiedersehen.

Keine Daten? Keine Kekse. Und keine Kreditkarte.

„Da war ich erstmal überrascht und hab denen geschrieben, dass ich doch ganz gern wüßte, was sie über mich meinen zu wissen und sie mir das auch schön klar und deutlich erklären sollen. Nach dem Bundesdatenschutzgesetz hab ich da nämlich einen Anspruch drauf.“

Das weiß auch die Commerzbank und schickt ihm zwei Wochen später einen Brief. Darin die Erklärung: Man habe nicht genug Daten über ihn sammeln können, wisse zu wenig über ihn und das haben nun mal leider eine negative Bewertung ergeben. Hohes Ausfallrisiko. Danke, aber Nein Danke. Auf Wiedersehen.

"Unsere Berechnungen haben ergeben: Sie sind nix für uns." (Commerzbank, sehr frei zitiert.)

„Unsere Berechnungen haben ergeben: Sie sind nix für uns.“ (Commerzbank, sehr frei zitiert.)

Zusammen mit der merkwürdigen Erläuterung zwei Seiten mit kryptischen Buchstaben-Zahlen-Kolonnen, die nicht weiter erklärt werden. Was „A5:0,0; A6:0; A7:0“ bedeuten soll, warum diese Kombination ihn zu einem Kunden mit hohem Ausfallrisiko machen – kein Wort darüber.

„Ich überleg seitdem schon länger, ob ich da nochmal nachhake, aber dann hat man doch immer was anderes zu tun“, meint Alvar. Und genau das wäre das Problem: Die meisten Leute wüssten vielleicht, dass es die Schufa gibt, aber ihren Score bei den Anbietern erfragen würden dann doch nur die Wenigsten. Man ist halt faul.

„Wer beobachtet wird, verhält sich anders.“

Ihn stört außerdem, dass beobachtet und gerankt wird, ohne dass man sich dagegen wehren kann. „Menschen, die sich beobachtet fühlen, verhalten sich anders.“ meint er. Ein bekanntes Argument, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob das hier stimmt. Den meisten Leuten wird erst klar, dass Scoring ganz schön nervig sein kann, wenn dabei etwas schief läuft. Und dann sagen sie einem nicht mal klar, was schief gelaufen ist und revidieren kann man das Scoring auch nicht. Auf einmal wird mir der gute alte Bankbeamte hinterm Tresen total sympathisch, der seine Kunden kennt und vermutlich besser einschätzen kann als ein Rechenprogramm.

Zweiter Brief, in deutlich: "Wir wissen nichts über Sie, scheren Sie sich bitte." (Commerzbank, sehr frei zitiert."

Zweiter Brief, in deutlich: „Wir wissen nichts über Sie, scheren Sie sich bitte.“ (Commerzbank, sehr frei zitiert.)

Alvar bezweifelt zudem, dass es möglich ist, mit den Daten, die frei verfügbar sind ein wirklich akkurates Bild mit verlässlichen Werten zu zeichnen. „Das ist technisch nur sehr schwierig umzusetzen und dann kommt es ja immer noch darauf an, welche Parameter man wie gewichtet.“

Großes Problem: Intransparenz

Die Intransparenz, die Scoring-Unternehmen an den Tag legen, ist für Alvar indes das größte Problem. „Ich kann das ja nachvollziehen, warum sie wissen wollen, mit wem sie es zu tun haben“, meint er, „aber sie müssen das doch bitte mal transparent und offen machen und nicht so einen kryptischen Kram schicken. Aber das ist ja genau deren Masche: Darauf zu hoffen, dass die Gegenseite keine Nerven hat da nochmal nachzuhaken.“

Mich interessiert jetzt besonders, warum der Commerzbank nicht die Schufa-Auskunft gereicht hat, die bei Alvar makellos war. Außerdem war er in der Lage, eine Bahncard 100 zu erwerben – wieviele Belege braucht es denn da, um zu beweisen, dass man solvent ist? Warum sind diese Daten, die sie haben wollen so wichtig, dass ihr Fehlen Alvar einen Negativ-Score beschert? Wir fragen da mal nach.

Wie ist es denn bei euch? Auch schon mal Negativ-Erfahrungen mit Scoring gemacht?

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