Wie es mit Alvar weiter ging: Post von der Commerzbank

In der ersten Folge von st_ry hat Daniel hinter die Kulissen von “Scoring” geschaut und dabei Alvar Freude getroffen. Der hat wie viele andere auch schlechte Erfahrungen mit Scoring gemacht. Wir versprachen ihm, der Sache auf den Grund zu gehen und haben inzwischen Post bekommen.

Daniels erster Gesprächspartner war der Netzaktivist Alvar Freude. Und auch wenn er eigentlich kein Unbekannter ist – denn Alvar sitzt in der Bundestags-Enquetekommission “Internet und Digitale Gesellschaft” und betreibt eine Website  – verweigerte ihm die Commerzbank die Ausgabe einer Kreditkarte. Deren Scoring-Dienstleister fand scheinbar zu wenig über ihn heraus und das wirkte sich negativ auf Alvars Bewertung aus.

Nach dem Gespräch mit Alvar schrieb Daniel eine Mail an die Commerzbank, um nachzuhaken, wo eigentlich genau das Problem lag. Drei Tage später, am vergangenen Freitag, erhielten wir dann auch schon eine Antwort von Michael Machauer, Pressesprecher der Commerzbank AG.

Post von der Commerzbank. Nach nur drei Tagen hatten wir eine Antwort auf dem Tisch.

Post von der Commerzbank. Nach nur drei Tagen hatten wir eine Antwort auf dem Tisch.

Frage-Antwort-Spiel mit Daniel und der Commerzbank

1.) Ist es üblich, dass BahnCard100-Kunden eine Kreditkarte Ihres Institutes angeboten wird, diese nach einer Prüfung aber wieder verwehrt wird?

Wir haben Herrn Freude keine Kreditkarte angeboten. Wählt ein BahnCard100-Kunde bei seinem BahnCard-Antrag die Option einer Kreditkarte, erfolgt anschließend durch die Commerzbank eine Bonitätsprüfung. Aus dieser Bonitätsprüfung kann gegebenenfalls eine Ablehnung resultieren.

2.) Warum reicht eine positive Schufa-Auskunft nicht aus, um eine Kreditkarte bei Ihrem Institut zu bekommen? Wieso legen Sie noch zusätzlich Wert auf ein Scoring?

Hier geht es nicht um einen speziellen Commerzbank-Prozess. Eine positive Schufa-Auskunft bedeutet grundsätzlich nicht per se grünes Licht für die Genehmigung einer Kreditkarte. Maßgeblich ist vielmehr der Inhalt der Schufa-Auskunft.

Dazu zählen beispielsweise:

  • Anzahl bereits vorhandener Girokonten
  • Anzahl der Geschäftsverbindungen mit weiteren Kreditinstituten
  • Anzahl bereits vorhandener Kreditkarten
  • Anzahl und Höhe bereits vorhandener Kredite

Diese Angaben sind einzeln oder in Verbindung mit bestimmten Antragsdaten (z.B. Einkommensart und -höhe) mit ausschlaggebend für die Entscheidung über einen Kreditkartenantrag.

Das Scoring ermöglicht eine umfassende Bonitätsbewertung. Hier fließen neben externen Auskünften auch Angaben zur Finanz- und Vermögenssituation und zur Kontoführung ein.

3.) Warum hat Ihr Institut Herrn Freude nicht detailliert geschildert, wie der Score “V” zustande kam, sondern eine Auflistung von schwer verständlichen Daten zukommen lassen?

In der Anlage 2 des Schreibens vom 29. März 2012 wird dargelegt, dass der Scorewert aus externen Auskünften (z.B. Anzahl Negativeinträge, Kredite, Girokonten, Kreditkarten) sowie aus allgemeinen Kundendaten (z.B. Beruf, Dauer der Geschäftsverbindung) resultiert.

Die in der Anlage 1 dieses Schreibens aufgeführten Kürzel werden in Schreiben an Kunden grundsätzlich erläutert. Dass dies im vorliegenden Fall nicht geschehen ist, bedauern wir.

4.) Wie errechnet Ihr Institut den jeweiligen Score eines (potentiellen) Kunden?

Das individuelle Kundenscoring wird aufgrund folgender Faktoren ermittelt:

  • Externe Auskünfte: mögliche Einflussfaktoren sind hier u.a. Negativeinträge, Kredite (Anzahl und Höhe), Anzahl bereits vorhandener Girokonten und/oder Kreditkarten
  • Finanz- und Vermögenssituation: mögliche Einflussfaktoren sind hier u.a. Einkommen, Verschuldungsgrad
  • Kontoführung: mögliche Einflussfaktoren sind hier u.a. Überziehungen, Lastschriftrückgaben, Limitausnutzung
  • Allgemeine Kundendaten: mögliche Einflussfaktoren sind hier u.a. Beruf, Dauer der Geschäftsbeziehung

Die Berechnungsmethoden müssen nach Basel II einem anerkannten mathematisch-statistischen Verfahren genügen, was in unserem Hause gegeben ist. Darüber hinaus ist unser Verfahren von der Bafin zertifiziert.

5.) Gibt es für Kunden mit einem schlechten Score die Möglichkeit, Ihrem Institut mehr Informationen zukommen zu lassen, um dieses Fehlbild zu korrigieren? Wenn ja: Warum wurde Herr Freude nicht um diese Informationen gebeten?

Mit Schreiben vom 14. März 2012 wurde Herrn Freude u.a. folgendes mitgeteilt:

„Wenn Sie mit dieser Entscheidung nicht einverstanden sind, können Sie Ihren Standpunkt bei uns geltend machen.“

Herr Freude hat in Reaktion auf den Brief vom 14. März ein „Auskunftsersuchen nach §34 Bundesdatenschutzgesetz“ an uns gerichtet, das wir mit Schreiben vom 29. März 2012 beantwortet haben.

ENDE

___________

“ENDE” schreibt die Commerzbank unter ihre Auskunft. Aber ist es das auch für uns schon? Wir haben die Antworten der Commerzbank an Alvar weitergeleitet und werden ihn fragen, was er davon hält und ob er jetzt mit Scoring versöhnt ist.

NACHTRAG, 14.08.2013

Wir haben Post bekommen! Alvar hat uns geantwortet, was er von der Stellungnahme der Commerzbank hält:

“Michael Machauer hat in seiner Stellungnahme in keinem Wort dargelegt, welche konkreten Indizien denn nun angeblich dafür sprechen, dass ich nicht ausreichend kreditwürdig sei. Dies verstärkt meine Vermutung, dass es hier nicht darum geht, einen potentiellen Kreditausfall abzusichern, sondern unter dem Deckmantel der „Bonitätsbewettung“ solche Kunden auszusortieren, die möglicherweise nicht dauernd die Kreditkarte nutzen.
Zu 1.: Mir wurde, zusammen mit meinem BahnCard-Antrag, auch die Kreditkarte angeboten bzw. angepriesen.

Zu 2.: Das ist ja nun nichts neues, sondern auch das was in den Briefen der Bank erwähnt wurde.

Zu 3.: In meiner Anfrage hatte ich übrigens genau eine solche (vom Gesetzgeber vorgeschriebene) Erläuterung gefordert. Schade, dass Herr Machauer nicht jetzt die Gelegenheit ergriffen hat, diese Erläuterung nachzureichen …

Zu 4.: Von den dort erwähnten Merkmalen trifft keiner der offensichtlich negativen Werte auf mich zu: keine Negativeinträge bei den Auskunfteien, keine Verschuldung, keine Kontoüberziehungen, Lastschriftrückgaben oder Limitausnutzungen.

Zu 5.: Ohne dass die Gründe bekannt sind, ist es schwer möglich Korrekturen an der Bewertung vornehmen zu lassen. Nichtsdestotrotz habe ich in meinem Brief an die Commerzbank gefragt:

„Zudem bitte ich um Mitteilung, wie Sie auf die seltsame Idee kommen, dass ich mir zwar eine BahnCard 100 leisten kann, aber fällige Kreditkartenabrechnungen bei sofortiger Abbuchung vom angegebenen Konto eine für Sie kritische Risikoschwelle überschreiten.“

Eine Antwort habe ich darauf leider nicht erhalten.”

 

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