Mächtig, aber kamerascheu: Ein Interview mit arvato infoscore

Wer sich mit Scoring beschäftigt, stolpert schnell über arvato infoscore. Die Tochterholding der Bertelsmanngruppe gehört zu den größten Auskunfteien in Deutschland und ist damit einer der größten Player im Scoring. Wir haben um ein Interview gebeten und es bekommen – wenn auch nur schriftlich und nicht mehr rechtzeitig für den Dreh der ersten Folge.

Bei unserer Recherche für die erste Folge zum Thema Scoring haben wir auch bei arvato infoscore angefragt. Für ein persönliches Interview hätten wir  Daniel nur zu gern nach Baden-Baden geschickt, aber ein Besuch von unserem Reporter wurde uns leider verwehrt. Dennoch ließen wir es uns nicht nehmen, ein paar Fragen an arvato infoscore loszuwerden. Deshalb nahmen wir das Angebot von Frau Schieler (Contentmanagement arvato infoscore), ein schriftliches Interview zu führen, an.

Hier könnt ihr die Antworten nachlesen:

1. Immer mehr Unternehmen benutzen Scoring. Welche Vorteile versprechen sich Ihre Kunden davon?

Zunächst einmal nutzen Unternehmen zur Risikoprävention meist eigene Zahlungserfahrungen mit ihren Kunden und interne Bewertungsmethoden, die diese Zahlungserfahrungen zur Prognose des zukünftigen Zahlungsverhaltens verarbeiten. Dahinter stehen grundsätzlich Wirtschaftlichkeitserwägungen zur Vermeidung von Zahlungsausfällen in einem unsicheren Marktumfeld bzw. bei Rechtsgeschäften, die mit einem finanziellen Risiko verbunden sind (z.B. Rechnungskauf, Handyvertrag, Bankkredit etc.).

Unternehmen, die noch nicht lange am Markt tätig sind, verfügen allerdings nicht über genügend aussagekräftige interne Daten. Das gilt gerade auch für die Neukundenphase, also die Beurteilung des zukünftigen Zahlungsverhaltens neuer (unbekannter) Kunden. Dass externe Bonitätsdaten und damit auch externe Scoring-Verfahren zusätzlich eingesetzt werden, liegt also vor allem daran, dass Unternehmen ihre Kunden und insbesondere deren Zahlungsverhalten in der Neukundenphase noch nicht ausreichend kennen. Sie müssen mit einer Ware oder Dienstleistung in Vorleistung gehen, sich aber trotzdem in Zeiten sinkender Zahlungsmoral und der Zunahme von betrügerischen Bestellungen im Internet vor Forderungsausfällen schützen. Um ihren Kunden allerdings trotzdem kundenfreundliche und komfortable Zahlarten wie Rechnungskauf oder eine attraktive Tarifierung anbieten zu können, greifen sie zur Risikovermeidung ergänzend auch auf externe Daten und Scoring-Verfahren zurück, wie unser Unternehmen sie anbietet. Deren Einsatz dient also im Endeffekt einer deutlichen Verbesserung des wirtschaftlichen Nutzens für alle Beteiligten.

2. Wer sind Ihre Kunden?

Dabei handelt es sich vor allem um Unternehmen, die im Mengengeschäft mit privaten Endverbrauchern agieren und dabei in wirtschaftliche Vorleistung gehen. Aufgrund der Vielzahl der Transaktionen und aufgrund des Fehlens des persönlichen Kontaktes (z.B. am Point of Sale) ist eine individuelle „Inaugenscheinnahme“ des einzelnen Kunden nicht möglich. Unser Unternehmen betreut daher vor allem Kunden aus den Schwerpunktbranchen Handel/E-Commerce, Kreditwirtschaft, Versicherungen und Telekommunikation.

3. Welche Merkmale, Dienste, Daten und Informationen ziehen Sie heran, um Ihre Scores zu ermitteln? Woher bekommen Sie diese Informationen, Daten, Merkmale und Dienste?

Bei den Daten, die in einen Scorewert einfließen, handelt es sich um mehrere Variablen u.a. aus den Bereichen personenbezogene Daten (Alter, Geschlecht) und sogenannte Anschriftendaten (Haus, Straßenabschnitt). Diese Daten finden bei der Berechnung von Scorewerten Eingang, da sie sich im Zusammenspiel mit anderen Merkmalen als am aussagekräftigsten für die Beurteilung der Erfüllungswahrscheinlichkeit erwiesen haben.

Die bei uns gespeicherten Daten basieren u.a. auf Eintragungen in Register, wie beispielweise die Schuldnerverzeichnisse der Amtsgerichte sowie Veröffentlichungen zu Insolvenz-Verfahren. Zum anderen werden Daten zu nicht-vertragsgemäßem Zahlungsverhalten verwendet, die uns in Übereinstimmung mit den Bestimmungen des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) von unseren Vertragspartnern, insbesondere Inkassounternehmen, übermittelt werden.

4. Wie ergibt sich daraus das Scoring? Bitte geben Sie uns zur Veranschaulichung eine Beispielrechnung.

Die Gewichtung der in Scoring-Verfahren einfließenden Variablen erfolgt nach komplexen mathematisch- statistischen Verfahren und verhält sich je Anwendungsgebiet unterschiedlich. Ausgehen dürfen Sie beispielswiese von 7 Variablen, für die durchschnittlich 70 bis 75 Punkte zu vergeben sind: Für die gewichtigeren Variablen mehr, für die anderen weniger. Eine der Variablen ist das Geschlecht (siehe Frage 3): Da Männer statistisch gesehen schlechtere Zahler als Frauen sind, erhalten Frauen in der Variable Geschlecht also mehr Punkte.

5. Wo sind Grenzen? Welche Merkmale würden Sie und dürfen Sie nicht mit in ein Scoring einbeziehen?

Grundsätzlich dürfen in Scoring-Verfahren laut BDSG nur relevante Daten einbezogen werden, die sich als aussagekräftig für die Beurteilung der Erfüllungswahrscheinlichkeit erwiesen haben. Untersagt ist die Nutzung sensitiver personenbezogener Daten gemäß § 3 Absatz 9 BDSG, also Angaben über die rassische und ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse und philosophische Überzeugungen, Gewerkschaftszugehörigkeit, Gesundheit und Sexualleben.

Die von arvato infoscore beziehbaren Scoring-Verfahren erfüllen die besagten Voraussetzungen gemäß BDSG.

6. Wie viele Selbstauskünfte werden bei Ihnen monatlich angefragt? Wie verhielt sich das vor der Änderung des Bundesdatenschutzgesetzes 2010?

Wir bearbeiten pro Jahr über 50.000 Selbstauskünfte. Das Anfragevolumen ist zum 1. April 2010 zunächst deutlich gestiegen, mittlerweile jedoch wieder auf ca. 4.000 bis 5.000 Anfragen pro Monat zurückgegangen.

7. Wie lange dauert es, bis ein Bürger seine Selbstauskunft erhält und welche Informationen enthält diese?

Selbstauskunftsanfragen bearbeiten wir nach deren Erhalt üblicherweise innerhalb von 1 bis 2 Werktagen. Hinzu kommt die jeweilige Postlaufzeit des Schreibens.

Die Selbstauskunft weist aus, welche Daten zur Person des Betroffenen (des Bürgers) bei uns gespeichert sind, ggf. welche Scores zur Person berechnet sowie an welche Unternehmen diese in den letzten 12 Monaten übermittelt worden sind. Die Selbstauskunftsschreiben weisen auch allgemeine Hinweise zum Scoring als solches und zum Zustandekommen im konkreten Fall des Betroffenen aus. Dem Betroffenen steht es nach Erhalt der Selbstauskunft frei, ggf. begründete Zweifel an der Richtigkeit der Daten bzw. Scores geltend zu machen.

8. Bekommen Sie Beschwerden von Bürgern, die sich über ihr Scoring ärgern?

Wir erhalten in Bezug auf die über 50.000 Selbstauskunftsersuchen im Jahr nur in weniger als fünf Prozent der Fälle überhaupt Rückfragen. Die Mehrzahl der Rückfragen stammt von Personen, die einen Eintrag in unserer Bonitätsdatenbank haben, und dient überwiegend der Klärung dieses Eintrags. Nachfragen bezüglich des Scorings sind eher die Ausnahme.

Sicherlich ist es eine große Herausforderung, jedem einzelnen Verbraucher die Prinzipien von Scoring allgemein und der Berechnung seines persönlichen Scores individuell verständlich zu erläutern. Mit dem Ziel, unsere Kommunikation stetig zu verbessern, nehmen wir konkrete Anregungen unserer Aufsichtsbehörde oder von Betroffenen zu verständlicheren Formulierungen deshalb gerne auf.

9. Was kann ich als Betroffener tun, um mein Scoring zu verbessern/zu verändern?

Vielfach ist ein unterdurchschnittlicher Scorewert darin begründet, dass uns die betreffende Person unter der angegebenen Anschrift nicht bekannt ist. Insofern könnte der Score beispielweise dadurch verbessert werden, dass uns ein bislang nicht bekannter Verbraucher die im Rahmen seines Selbstauskunftsersuchens übermittelten Daten (Name, Anschrift und Geburtsdatum) als korrekt bestätigt und uns die Nutzung dieser Daten für das Scoring erlaubt.

Im Zuge einer Selbstauskunft kann zudem eine Datenkorrektur erwirkt werden, sofern sich die der Scorewertbildung zugrundeliegenden Daten als unzutreffend erweisen sollten. Gerechtfertigten Korrekturverlangen kommen wir umgehend und selbstverständlich kostenlos nach.

10. 2012 geriet Ihr Unternehmen in der Presse wegen zweifelhafter Auskünfte in Kritik. Bei einer Frau wurde aufgrund Ihrer Angaben die Kreditwürdigkeit als schlecht eingeschätzt, obwohl Sie lediglich Name und Adresse der Person vorliegen hatten. Wie konnte das passieren?

Wir gehen davon aus, dass Sie von dem in der NDR-Berichterstattung aufgegriffenen Einzelfall sprechen. In diesem Fall bezog sich die – in dem konkreten Fall berechtigte – Kritik rein auf die Variablen Altersgruppenzuordnung auf Basis des Vornamens und die Verwendung des Gebäudealters. Beide Variablen setzen wir seitdem nicht mehr ein.

11. Bei der Recherche tauchten weitere Fälle auf, in denen allein aufgrund des Namens und der Adresse eine Kreditwürdigkeit abgesprochen wurde, obwohl diese gegeben ist. Was tun Sie gegen diese Fehler?

Wie eingangs dargelegt, basieren unsere Scoring-Verfahren nicht alleine auf Name und Anschrift, es finden auch weitere Variablen Eingang (siehe Antwort 3 und 4). Da wir uns nur zu Fällen äußern können, die uns bekannt sind, würden wir Sie bitten, uns Ihre Recherchefälle zu nennen. Gerne werden wir diese Fälle prüfen.

Ganz abgesehen davon arbeiten wir kontinuierlich an der Optimierung unserer Scoring-Verfahren und prüfen regelmäßig Möglichkeiten zur weiteren Erhöhung der Identifizierungsquote von Haushalten.

Im Übrigen sprechen wir generell niemandem die Kreditwürdigkeit ab, sondern übermitteln Daten und Scores, die unserem Kunden ermöglichen, die Bonität und die Zahlungsausfallwahrscheinlichkeit selbst zu beurteilen.

12. Wir erfuhren von Bürgern, dass Sie Schreiben verschicken, in denen Sie aufgrund einer vermeintlichen Anfrage eines Vertragspartners Daten abfragen – als Legitimation für eine Selbstauskunft. Wie erklären Sie dieses Vorgehen?

Die von Ihnen angeführten Schreiben versenden wir aufgrund einer gesetzlichen Verpflichtung. Aufgrund von § 33 BDSG müssen wir den betroffenen Verbraucher bei der erstmaligen Übermittlung seiner Daten an anfragende Unternehmen benachrichtigen.

Wir weisen den Verbraucher in diesem Schreiben parallel auf sein legitimes Recht hin, eine sog. Selbstauskunft bei unserem Unternehmen zu den über ihn gespeicherten Daten einzuholen. Lediglich zur eindeutigen Identifizierung einer Person benötigen wir die von Ihnen angesprochenen und in den Schreiben angeführten Daten (Name, Anschrift, Geburtsdatum). Dies dient ausschließlich der Legitimation für die Übermittlung personenbezogener Daten und der Vermeidung von Identitätsmissbrauch, damit sensible Daten nicht von Unbefugten abgerufen werden. Die zur Legitimation benötigten Daten werden nicht in unserer Auskunftei-Datenbank gespeichert, sondern nur in der Protokolldatei der Selbstauskünfte.

13. Viele Bürger fühlen sich dadurch ausspioniert und sind verärgert darüber, dass sie absichtlich nicht telefonisch erreichbar sind. Was möchten Sie diesen antworten?

Wie in Antwort 12 erläutert, fordern wir Bürger nicht zur Datenabgabe auf, sondern weisen auf die Möglichkeit hin, per Selbstauskunft die bei uns zur Person gespeicherten Daten in Erfahrung zu bringen. Die Selbstauskunft kann aus Legitimationsgründen nur schriftlich eingeholt werden. Sobald ein Betroffener eine Selbstauskunft von uns erhalten hat, kann er sich selbstverständlich – unter Nennung des Aktenzeichens der Selbstauskunft – auch telefonisch an uns wenden.

14. Warum lehnten Sie ein Interview mit unserem Reporter vor der Kamera ab?

Wir beantworten grundsätzlich alle Presseanfragen, behalten uns aber vor, diese nur auf dem schriftlichen Wege zu beantworten. Unsere Erfahrung zeigt leider, dass Interviews vor der Kamera nicht der Sache dienen, sondern nur darauf ausgerichtet sind, Einzelfälle reißerisch darzustellen, ohne den Betroffenen konkret zu helfen. Für jeden Hinweis auf konkrete Einzelfälle sind wir daher dankbar, um einem Betroffenen im Einzelfall Rede und Antwort zu stehen oder unsere Verfahren weiter zu optimieren. Derartige Gespräche mit Betroffenen haben wir bereits mehrfach geführt. Dazu braucht es unserer Meinung nach aber keine Kamera.

___________________

Überzeugt euch das Interview vom Nutzen des Scorings? Oder regt es euch auf, dass euer Geschlecht darüber entscheiden kann, wie ihr bewertet werdet? Wie würde für euch ein faires Scoringsystem aussehen oder braucht es gar kein Scoring? Diskutiert mit uns!

 

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Ein Kommentar on “Mächtig, aber kamerascheu: Ein Interview mit arvato infoscore

  1. Sarah sagt:

    Guten Tag,

    Infoscore ist einfach Lachhaft, Sie verletzen Ihre Sorgfaltspflicht und haben mir massiv geschadet ! Schon allein diese Aussage: “Gerechtfertigten Korrekturverlangen kommen wir umgehend und selbstverständlich kostenlos nach.” !!! Infoscore hat bei mir einen großen Fehler begangen, es gibt dafür Beweise und trotzallem wird sich geweigert dieses zu entfernen ! Frechheit einfach. Nach vielen Recherchen über diese Firma stellte ich fest, dass ich nicht die einzigste bin mit solchen Problemen gegenüber dieser Firma ! Das sowas überhaupt geduldet wird in der Branche !!!! Dazu fällt mir nichts mehr ein !!! Frechheit!