COMING OF RAGE – Dahin gehen, wo es weh tut

“Immer dahin gehen, wo es wehtut.” – Der Satz ist mal an meiner Uni gefallen. Die ist jetzt vorbei, die Welt ist ein ganzes Stück anders, aber der Satz stimmt immer noch – heute vielleicht sogar mehr als früher.

Angefangen hat mein Interesse für die Orte, an denen es weh tut, mit den Revolutionen in der arabischen Welt. Genauer: in Ägypten. Als die Revolution am 25. Januar 2011 losging, war ich in Kairo. Dahin gehen, wo es weh tut eben. Viele Ägypter werden sich das damals beim Fußmarsch zum Tahrir-Platz auch gedacht haben. Die heftigste Aussage in diesen Tagen war wohl die meiner Freundin Nadine in Kairo: “Wenn ich heute aus der Türe gehe, dann weiß ich nicht, ob ich am Abend lebend zurückkomme.” Seit damals habe ich extremsten Respekt vor Leuten, die für ihre Überzeugung auf die Straße gehen (außer sie sind Nazis), die aus ihrer Verzweiflung heraus demonstrieren (außer sie sind Nazis) oder ihren Regierungen einfach mal den Mittelfinger zeigen wollen (außer sie sind Nazis).

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Das “Macht mal ruhig” funktioniert am Tahrir Platz in Kairo einfach nicht – zumindest 2011

Tahrir, Taksim, Plaza del Sol, Maidan

Die Jugend kann mit ihrer Überzeugung etwas verändern, auch im Großen. Egal ob auf dem Tahrir, bei den Occupy-Protesten, der spanischen Bewegung “15 de Mayo” (15. Mai) oder bei den Aufständen in Griechenland. Es gibt ein globales COMING OF RAGE. Aus unterschiedlichen Gründen, klar. Aber oft geht es gegen Unterdrückung, ziemlich oft geht es um Freiheit und immer dreht es sich auch ums Erwachsenwerden.

Zwischen Bengalos und Heroinspritzen

Deswegen haben wir – Adrian, Hakan und ich – in den letzten Monaten Leute in Griechenland und der Türkei besucht, die von ihrem COMING OF RAGE-Moment erzählen, gerade mitten drin stecken – oder ihren Rage, ihre Wut, vielleicht schon verloren haben. Da sind etwa die Fußball-Ultras von Çarşı Beşiktaş in Istanbul. Die Fußballfans waren während der Gezi-Proteste, die sich gegen den Umbau des beliebten Parks in Istanbul 2013 richteten, ganz vorne mit dabei. Sie schluckten Tränengas, bauten Barrikaden und kamen mit unglaublich witzigen Fangesängen um die Ecke. Da sind aber auch die Vergessenen der Finanz- und Staatskrise in Griechenland. Seit 2008 strauchelt das Land. Die Zahl der Drogensüchtigen ist in den gut sechs Jahren der Krise durch die Decke gegangen und seitdem nicht mehr heruntergekommen. Heroin und vor allem die neue Billigdroge Sisa bestimmen das Leben der jungen Süchtigen im Areos-Park in der Athener Innenstadt. Dort dealen, spritzen und leben sie. Diese beiden Storys von Jugend, Wut, Protest, Hoffnung und Verzweiflung werden wir Euch in der neuen Reihe COMING OF RAGE als erstes erzählen. Pro Woche ein Video, immer wieder Fotos, Texte oder auch mal einen Audio-Podcast.

Im Adeos Park in Athen: der Obdachlose Cristos raucht SISA

Im Areos Park in Athen: der Obdachlose Cristos raucht SISA

st_ry auf Tour in Athen und Istanbul

Für das Projekt “st_ry – Deine Doku” hat uns die Münchner Produktionsfirma vydy.tv in ein Flugzeug gesteckt, damit wir junge Menschen in Ausnahmesituationen treffen. Manche fliehen vor dem Elend um sie herum, manche planen Utopien, manche enden an der Spritze.

Die Frage, die mich dabei am meisten umtreibt: Wieso setzen junge Menschen auf der ganzen Welt so viel aufs Spiel – mal ihr Ansehen, ein anderes Mal sogar ihr Leben – um zu ändern, was sie umgibt? “Macht kaputt, was euch kaputt macht” – die Platte von Rio Reiser steht im Regal meiner Eltern. Es wird Zeit, die Platte und die Einstellung zu entstauben und mit Leben zu füllen. Egal, ob in Kairo, Istanbul, Athen oder Aschaffenburg. Action speaks louder than words.

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