Die Ultras von Çarşı – erst Dönermesser, dann Blutspenden

Ende Mai 2013 durfte ich wieder Tränengas schlucken. Endlich. Ich war in Istanbul. Der Zündfunk, mein Arbeitgeber, hat mich hingeschickt, um Radioreportagen vom Taksim-Platz zu machen. Auch die Polizei war happy –  trigger-happy, um genau zu sein. Sie hatte einen sehr flinken Finger am Abzug der Tränengas-Gewehre. In dem ganzen Nebel aus Reizgas immer dabei: die schwarz-weiß gestreiften Fußballtrikots der Beşiktaş Fans, genauer der Ultragruppe Çarşı.

Eine Woche lang machte ich mehrere Geschichten zu den Aufständen rund um das letzte Stück Grün in der Innenstadt der Megacity Istanbul, den Gezi Park. Die Stadtregierung wollte statt des Parks eine Shopping-Mall. Klingt nicht gerade nach einem Anlass zum Aufstand. Aber hey, El Salvador und Honduras haben wegen eines Fußballspiels Krieg geführt. Aufstand wegen eines Parks also. Und mittendrin: Die Fußballfans.

Die Kippe danach. Besiktas Fan im Mai 2013 nach Tränengas-Wahnsinn in Istanbul

Die Kippe danach. Besiktas Fan im Mai 2013 nach Tränengas-Wahnsinn in Istanbul

2013 war viel von einem Zusammenschluss der verfeindeten Ultra-Gruppen aller Istanbuler Vereine die Rede: Sie gingen gemeinsam auf den Taksim-Platz. Meine erste Story war ein Bericht über zwei junge Fußball-Ultras. Einer war von Beşiktaş, der andere von Fenerbahce. Ungewöhnliche Kombi. Vor 20 Jahren haben sich die beiden Fangruppen regelmäßig mit Dönermesser in der Hand begrüßt und auch heute noch definieren sie sich über diese Feindschaft – nur eben ohne Waffen. Gezi hat das unterbrochen. Krasse Nummer. Verfeindete Fußballgruppen gemeinsam gegen die Polizei: Die Ultras von Beşiktaş, Fenerbahce und Galatasaray.

Die Chefs waren die Beşiktaş-Fans, keine Frage. Vor allem die Ultras von Çarşı.  Warum? Erstens: Das Stadtviertel Beşiktaş liegt gut zehn Gehminuten vom Gezi-Park entfernt. Zweitens: Çarşı ist tendenziell links und offensichtlich anarchistisch. Das A in Çarşı steht für Anarchie - kennt man von Rucksäcken von Achtklässlern. Ihr berühmtester Spruch lautet: “Çarşı kendine karşı” – was soviel heißt wie: Çarşı ist gegen alles, auch gegen sich selbst. Wenn es also Proteste gibt, bei  denen auf der einen Seite der Staat steht und auf der anderen das Volk, dann sind sie vorne mit dabei. Und drittens: Die Fußballultras waren mit die einzige Gruppe, die Erfahrung mit der Polizei hatte. Im Straßenkampf. Genau deswegen gehörten sie zu den Ersten, die gegen die Polizei gekämpft haben. Sie, die Ultras waren am längsten im Park, ihre Banner hingen von jedem zweiten Baum und an einem Abend haben sie eine richtig dicke Pyro-Show am Taksim-Platz abgebrannt.

Mai 2013: Tausende Fußball-Ultras von Çarşı ziehen Richtung Gezi-Park

Mai 2013: Tausende Fußball-Ultras von Çarşı ziehen Richtung Gezi-Park

Gegen die Polizei – aber ohne Dönermesser

Çarşı – für die Fans ist das mehr als nur Fußball. Die Gruppe organisiert Blutspendeaktionen, hilft alleinerziehenden Müttern bei der Wohnungssuche und ist – spätestens seit Gezi – auch politisch spannend. Deshalb wollten wir im Sommer – gerade als sich Erdoğan den Ball zur Präsidentschaft zurechtlegt und am Ende auch einnetzt – schauen, wie es den Çarşı-Leuten im Jahr zwei nach Gezi geht, wie sie mit dem Präsidenten Erdoğan klarkommen und irgendwie auch, wie ihr Team performt.

Şenol (links) und Ekin - Hardcore Çarşı Fans in nett

Şenol (links) und Ekin – Hardcore Çarşı Fans in nett

Fast Forward: Anfang August 2014. Wir stehen in der schwülen Hitze Istanbuls und warten darauf, Karten fürs Stadion zu kaufen. Neben uns steht Ekin, Fußballfan durch und durch, extra aus Berlin angereist. Für ein Spiel, für die Jungs und für Çarşı. Ekin hat bei den alljährlichen Fanausschreitungen in den 80er Jahren die Fehnerbahce und Galatasaray-Fans ins Meer gejagt, die Dönermesser auf dem Weg zum Stadion geschwungen (“Mit dem Brotmesser brauchst Du nicht ankommen, da lachen dich alle aus”) und auch fleißig für seine Beşiktaş-Liebe eingesteckt: Bis heute hat er zwei Narben am Oberschenkel. “Verrückte Zeiten”, so fasst er das zusammen. Er ist Mitte 40 und wenn er heute davon erzählt, dann verklärt er die Situation. Das weiß er aber auch. Goldene Zeiten, eigenes Stadion mitten in der Stadt, nur Ultras, maximal Polizisten im Stadion. Das wars. Und heute: Beşiktaş baut gerade ihr altes Stadion hinter dem Gezi-Park um. Das dauert deutlich länger, als den Fans lieb ist. Wir kaufen in der Innenstadt Karten, um dann in einer Betonschüssel, die irgendjemand Olympiastadion genannt und irgendwo – gefühlt kurz vor Griechenland -  hochgezogen hat, das Champions-League Qualifikationsspiel anzuschauen.

Blutspenden – Ein Herz von Ultras

Beşiktaş spielt jetzt also eine Stunde Busfahrt von der Heimat entfernt, wie gesagt, kurz vor Griechenland. Im Minibus trinken 20 junge Männer alles, was entfernt mit Alkohol zu tun hat, rauchen unterarmdicke Joints und singen,  grölen eher, ihre Fangesänge. Und sie polieren ihre Baseballschläger. Ekin, der Berliner Çarşı-Ultra hält sich zurück. Gemeinsam mit seinem Buddy Şenol lassen sie es ruhig angehen. Die Baseballschläger der anderen Ultras kassieren sie als erstes. Wie sieht das denn aus vor den deutschen Journalisten? An diesem Abend werden die Schläger keinem über den Kopf gezogen: Beşiktaş gewinnt drei zu eins gegen Rotterdam.

 

Einer der Babos im Çarşı-Fanblock

Einer der Babos im Çarşı-Fanblock

Aber auch Niederlagen ist man bei Beşiktaş gewohnt – vor allem politische. Zwar krächzen die Çarşı-Leute noch halbherzig gegen Erdoğan. Aber ihre führenden Figuren  sind angeklagt, wegen ihrer Teilnahme bei den Gezi-Protesten. Der Vorwurf lautet Putschversuch, das Strafmaß liegt bei 35 Jahren. Aber in der Hauptsache geht es bei Çarşı um Fussball. Ein Supporter meinte: “Immer wenn es bei den Gezi Protesten um Politik ging, dann haben wir uns zurückgezogen.” Die Çarşı-Leute sagen das relativ häufig. Aber wenn man sieht, was sie alles machen: Blutspendeaktionen, Banner gegen Rassismus, Spendenaktionen für arme Regionen in der Türkei, dann ist das doch politisch. Ayhan, der Don unter den Çarşı-Leuten, meint deshalb: “Çarşı ist die größte und bekannteste NGO in der Türkei.”

Mittwoch 10. Dezember kommt dann die erste Folge COMING OF RAGE aus Istanbul

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