Folge 4 von 5: Çarşı – Die “größte NGO in der Türkei”

Zwischen den Istanbuler Fußball-Ultras von Çarşı Beşiktaş und der türkischen Politik bleibt auch im neuen Jahr alles beim Alten: Die Fußball-Fans schimpfen auf die Regierung (und vor allem auf den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan) – und die türkischen Beamten versuchen weiter, gegen die Ultras vorzugehen. Das Gerichtsverfahren gegen 35 Çarşı Ultras, u.a. wegen Putschversuch, wurde auf April 2015 vertagt. Die Stadionverbote und die restriktive Einlasskontrolle bei Ligaspielen aber bleiben.

Zu internationalen Spielen müssen die Fans – im Gegensatz zur heimischen Liga  - nicht Sitzplatz, Wohnort und Handynummer angeben. Man kann sich ein Ticket kaufen und ins Stadion fahren. Als wir im Sommer in Istanbul waren, haben uns Ekin und Senol (nach der Ansage des ebenfalls angeklagten Çarşı-Babos Ayhan, der Stadionverbot hat) mitgenommen ins Stadion zur Championsleague-Qualifikation gegen Feyenoord Rotterdam. Wobei – viel gesehen haben die Çarşı-Leute nicht: Wer echter Ultra ist, der sorgt sich um die Fans, nicht um das Spiel. 90 Minuten über wird angesagt, was zu singen ist, wer welchen Slogan schreit etc. So eine Fankurve will organisiert sein. Das hilft eben auch bei den Protesten. Die sind heute, zumindest wenn Çarşı mitläuft, nicht mehr “nur links, wie in den 80er Jahren.” Das zu betonen ist dem Fotojournalisten und Fußball-Ultra Levent wichtig.

 

 

Fußball damit die Jugend nicht politisch wird

Çarşı ist nicht nur auf der Straße und im Stadion aktiv. Sie machen auch Blutspendeaktionen oder waren eine der ersten Helfergruppen vor Ort beim Grubenunglück von Soma – “Die größte Organisation in der Türkei” eben, wie es Ayhan sagt.

Es gehe eben um Demokratie und Mitbestimmung, meint Ayhan weiter. Auch wenn das in dem männlichen Haufen von sehr breiten Fußballerschultern nicht immer leicht zu erkennen ist. Ayhan war dabei, als die Regierung in den 80er Jahren versucht hat, das politische Aufbäumen der Jugend zu zerschlagen. “Vor allem die Jugendlichen haben sie [die türkische Militärregierung nach dem Putsch von 1982] vom Fußball überzeugt. Mit dem Ziel, dass sie nicht politisch aktiv werden.”

Damals hat man sich wohl gedacht: “Lass sie im Stadion schreien, dann schreien sie auf der Straße nicht gegen dich.” Heute ist das anders. Und spätestens seit am 16. Dezember vor dem Gerichtssaal hunderte Fans gegen die Regierung angeschrien haben ist klar, dass die Çarşı-Leute ihr COMING OF RAGE leben.

 

Folge 3 von 5: Çarşı – Politik auf dem Weg zum Stadion

Folge 2 von 5: Çarşı – Vom Krieg zum Protest

Folge 1 von 5: Çarşı – Die Retter der Revolution?

 

0 Gefällt mir.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Bitte fülle alle markierten Felder aus. *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>