Interview mit dem Reporter Krsto Lazarević

Wir haben den Coming of Rage Reporter Krsto Lazarević zu seinem Geburtsland Bosnien-Herzegowina interviewt. Krsto berichtet für verschiedene Medien regelmäßig über die Westbalkanstaaten und gerne auch über Bosnien-Herzegowina.

 

stry.tv: Was ist für dich Bosnien-Herzegowina in einem Satz?

Krsto: Bosnien-Herzegowina ist das Land in dem ich geboren wurde.Es ist ein europäisches Land, das es verdient hat wieder zu Europa zu gehören.

 

Gehört es denn gerade nicht zu Europa?

Geographisch gehört Bosnien-Herzegowina zu Europa, aber es fühlt sich nicht an, wie ein Land, das zu Europa gehört. Vom Lebensstandard und mental und von der Art und Weise, wie es behandelt wird, gehört es nicht dazu. Wenn ich versuche über Bosnien-Herzegowina zu berichten, was ich ja oft tue, dann hat man manchmal das Gefühl, ich würde über eine Karibik-Insel berichten, als wäre das so weit weg und irrelevant, dabei ist man von München mit dem Auto in elf Stunden da, oder man kann in weniger als zwei Stunden hinfliegen. Eigentlich gibt es genug Gründe mehr darüber zu berichten.

Es gehört zu den wenigen Ländern auf dem Kontinent, das noch nicht EU-Beitrittskandidat ist. Die Westbalkanstaaten befinden sich mitten in Europa und um sie herum gehört alles zur EU aber sie dürfen nicht dazugehören.

 

Warum ist Bosnien-Herzegowina denn gerade jetzt wichtig?

Der Krieg in Bosnien-Herzegowina ist seit 23 Jahren vorbei und wir reden immer noch über das Land, als wäre er erst gestern vorbeigegangen. Das liegt daran, dass sich seit Ende des Krieges leider nicht viel verbessert hat, dass es politische Strukturen gibt, die sich nicht leicht verändern lassen und dass weiterhin die Nationalisten dort an der Macht sind. Eigentlich dieselben, die schon nach Kriegsende an der Macht waren und die diesen Zustand bewahren möchten.

Aber 23 Jahre später gibt es noch andere Dinge aus Bosnien-Herzegowina zu berichten, deshalb haben wir ja diesen Film gemacht.

 

Was ist die momentan größte Herausforderung für Bosnien-Herzegowina?

Die erste Herausforderung ist, dass das Land irgendwann komplett auseinander bricht. Es ist ja nie wirklich richtig zusammengewachsen nach dem Krieg. Es drohen auch immer mal wieder ethnische Spannungen, das wird zwar nicht zu einem Krieg führen aber, ob es wieder zusammenwächst, ist fragwürdig.

Die zweite Herausforderung ist, dass alle abhauen und dass es irgendwann ein Rentner-Staat ist. Die jungen Leute hauen alle ab und vor allem die gut qualifizierten und wenn keiner mehr da bleibt, dann gute Nacht.

 

Was erwartest du? Wie geht es weiter für das Land?

Leider wird sich nicht viel ändern. Wie gesagt, es sind immer noch die selben Leute an der Macht, wie vor 23 Jahren. Europa schaut immer mal wieder hin, wenn es Probleme gibt, die für Europa relevant sind. Wenn es zum Beispiel um Salafisten geht oder wenn Leute zum IS gehen. Ansonsten findet man sich mit den Problem ab, dann schickt man ein bisschen Geld hin, damit es nicht völlig kollabiert, aber es hilft ja nicht. Die EU hat viele Milliarde Euro in dieses Land gesteckt und die hätten wir auch direkt auf die ausländischen Konten von irgendwelchen Politikern schicken können.

 

Was hat das, was dort passiert mit uns zu tun?

Bosnien liegt Mitten in Europa. Man kann auf eine Karte gucken, es ist echt mitten drin. Es gibt eine große Diaspora in Deutschland, in Österreich und auch in der Schweiz. Es sind viele Hunderttausende und es werden noch mehr dazukommen in den nächsten Jahren. Wir haben es in dem Film ja gesehen, du kannst mit keinem 15-jährigen reden, der nicht schon mal darüber nachgedacht hat, abzuhauen. Und die meisten hauen nach Westeuropa ab.

Es ist natürlich ein Destabilisierungsfaktor, wenn Länder, die von der EU umgeben sind, instabil sind. Gerade in Zeiten, in denen Europa komplett zu zerbrechen droht, wäre es ein Zeichen zu sagen: Okay, wir haben hier sechs Länder mit 20 Millionen Einwohnern, die von uns umgeben sind, schauen wir doch mal, ob wir das irgendwie hinbekommen.

Bosnien-Herzegowina ist außerdem ein ziemlich gutes Beispiel, wie es enden kann, wenn Nationalität solch eine große Rolle spielt. Der ganze Rechtsruck, der in Europa gerade stattfindet, die Rückbesinnung auf die Nationalität, das alles konntest du Ende der 80er, Anfang der 90er in Jugoslawien erleben und vor allem in Bosnien-Herzegowina. Wenn man sich mal anschauen will, warum das gar keine so gute Idee ist, dann braucht man keine 70 Jahre zurückschauen, sondern da reichen auch 25 Jahre.

0 Gefällt mir.