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Folge 5 von 5: Çarşı – Sieg im Fußball, Unentschieden in der Politik

In der letzten Folge von COMING OF RAGE aus Istanbul spricht Sammy mit Ayhan, einem der Gründer von “Çarşı”. Für die Zukunft der Türkei sieht Ayhan schwarz: „[…] jemand, der die Demokratie nicht verinnerlichen kann, der benutzt sie als Schmuck. Für den ist Demokratie kein Zweck, sondern ein Mittel.“ 

Mit Folge 5 beenden wir Sammys Istanbul-Reise, bei der er mit den Fußball-Ultras der “Çarşı” von Beşiktaş Istanbul unterwegs war – im Stadion und im Viertel von Beşiktaş. Sammy hat mit ihnen über ihr soziales Engagement gesprochen und viel über die früheren Straßenkämpfe – Dönermesser inklusive – erfahren.

Beeindruckt hat Sammy das Gespräch mit Çarşi-Gründer Ayhan. Der coole Typ mit Sonnenbrille erklärt, was sich bei “Çarşı” in den letzten Jahren verändert hat, wie die Organisation sich heute sieht und vor allem, warum sie das tut, was sie tut. Ayhan wurde wegen der Gezi-Proteste angeklagt, ihm wird Putschversuch vorgeworfen. Und dann wird auch der coolste Typ irgendwie menschlich. Ayhan macht sich ernsthaft Sorgen um sein Land.

 

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Folge 4 von 5: Çarşı – Die „größte NGO in der Türkei“

Zwischen den Istanbuler Fußball-Ultras von Çarşı Beşiktaş und der türkischen Politik bleibt auch im neuen Jahr alles beim Alten: Die Fußball-Fans schimpfen auf die Regierung (und vor allem auf den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan) – und die türkischen Beamten versuchen weiter, gegen die Ultras vorzugehen. Das Gerichtsverfahren gegen 35 Çarşı Ultras, u.a. wegen Putschversuch, wurde auf April 2015 vertagt. Die Stadionverbote und die restriktive Einlasskontrolle bei Ligaspielen aber bleiben.

Zu internationalen Spielen müssen die Fans – im Gegensatz zur heimischen Liga  – nicht Sitzplatz, Wohnort und Handynummer angeben. Man kann sich ein Ticket kaufen und ins Stadion fahren. Als wir im Sommer in Istanbul waren, haben uns Ekin und Senol (nach der Ansage des ebenfalls angeklagten Çarşı-Babos Ayhan, der Stadionverbot hat) mitgenommen ins Stadion zur Championsleague-Qualifikation gegen Feyenoord Rotterdam. Wobei – viel gesehen haben die Çarşı-Leute nicht: Wer echter Ultra ist, der sorgt sich um die Fans, nicht um das Spiel. 90 Minuten über wird angesagt, was zu singen ist, wer welchen Slogan schreit etc. So eine Fankurve will organisiert sein. Das hilft eben auch bei den Protesten. Die sind heute, zumindest wenn Çarşı mitläuft, nicht mehr „nur links, wie in den 80er Jahren.“ Das zu betonen ist dem Fotojournalisten und Fußball-Ultra Levent wichtig.

 

 

Fußball damit die Jugend nicht politisch wird

Çarşı ist nicht nur auf der Straße und im Stadion aktiv. Sie machen auch Blutspendeaktionen oder waren eine der ersten Helfergruppen vor Ort beim Grubenunglück von Soma – „Die größte Organisation in der Türkei“ eben, wie es Ayhan sagt.

Es gehe eben um Demokratie und Mitbestimmung, meint Ayhan weiter. Auch wenn das in dem männlichen Haufen von sehr breiten Fußballerschultern nicht immer leicht zu erkennen ist. Ayhan war dabei, als die Regierung in den 80er Jahren versucht hat, das politische Aufbäumen der Jugend zu zerschlagen. „Vor allem die Jugendlichen haben sie [die türkische Militärregierung nach dem Putsch von 1982] vom Fußball überzeugt. Mit dem Ziel, dass sie nicht politisch aktiv werden.“

Damals hat man sich wohl gedacht: „Lass sie im Stadion schreien, dann schreien sie auf der Straße nicht gegen dich.“ Heute ist das anders. Und spätestens seit am 16. Dezember vor dem Gerichtssaal hunderte Fans gegen die Regierung angeschrien haben ist klar, dass die Çarşı-Leute ihr COMING OF RAGE leben.

 

Folge 3 von 5: Çarşı – Politik auf dem Weg zum Stadion

Folge 2 von 5: Çarşı – Vom Krieg zum Protest

Folge 1 von 5: Çarşı – Die Retter der Revolution?

 

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Folge 3 von 5: Çarşı – Politik auf dem Weg zum Stadion

Seit dem 16.Dezember wird es eng für die Ultras von Çarşı: Ihnen wurde in Istanbul der Prozess gemacht. Die Anklage lautete Teilnahme an den Protesten vom Gezi Park im Sommer 2013 mit dem Ziel: Putschversuch gegen die Regierung Erdogan. Der worst case für die Ultras wäre eine Verurteilung zu 35 Jahren Haft. Hunderte Beşiktaş Fans versammelten sich vor dem Gericht. Der Prozess wurde jetzt auf den 2. April 2015 vertragt. Bis dahin haben die Angeklagten aber weiterhin Stadionverbot. Ein paar von den Çarşı Ultras, die noch ins Stadion dürfen, haben uns zu einem Spiel mitgenommen: 

Für viele Ultras ist Fußball das wichtigste im Leben. Für einige auch das einzige. Strange ist es trotzdem, wenn sie ins Stadion gehen und die ganze Zeit mit dem Rücken zum Spiel stehen. Das kann man als Realitätsverweigerung bezeichnen, aber es ist hat andere Gründe. In der nächsten Folge seht ihr, wie man 90 Minuten nicht aufs Feld starrt, auch wenn es um die Champions-League Quali geht, und wieso man bei Çarşı die Baseballschläger heute lieber im Auto lässt anstatt sie ins Stadion mitzunehmen.

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Folge 2 von 5: Çarşı – Vom Krieg zum Protest

Die Fußball-Ultras von Çarşı haben eine extreme Vergangenheit: Sie haben früher mit Dönermessern gegen ihre Erzfeinde von Fenerbahçe und Galatasaray gekämpft. Absolut ungewöhnlich also, dass sich die drei verfeindeten Gruppen letztes Jahr alle gemeinsam gegen Erdogan und den Umbau des Parkes gestellt haben. In Folge 2 nehmen wir euch mit in die Vergangenheit von Çarşı und lassen euch den Flavour von Beşiktaş spüren.

Beşiktaş ist ein Viertel auf der europäischen Seite Istanbuls. Das merkt man. Die Leute trinken auf der Straße Alkohol, der Bürgermeister ist von der Oppositionspartei CHP. Wer Çarşı checken will, der muss verstanden haben, was Beşiktaş ausmacht.

In dem Viertel hat jeder seinen Platz, auch Çarşı. Die Ultra-Gruppe vermittelt hier auch Wohnungen an alleinerziehende Frauen. Und auch der Fanartikel-Verkäufer Tuncay (ja, sein Nachname ist:) Wirbelwind sagt: „Die Besonderheit ist, dass es unser Viertel ist, unser Herz. Vor allem anderen ist es unser Leben. Der Ort, an dem wir geboren sind, wo unsere Seele ist. Plakate von Erdogan findest Du hier nicht. Das wäre unmöglich. Wenn du durch Istanbul gelaufen bist und aufgepasst hast, weißt Du: das hier ist ein besonderer Ort.“

Wissen wir mittlerweile. Deswegen ziehen wir weiter mit. In Folge 3 dann Richtung Stadion.

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Folge 1 von 5: Çarşı – Die Retter der Revolution?

Bei den Gezi Protesten waren sie ganz vorne mit dabei: Die Fußball-Ultras von Çarşı. Sie haben sich gegen die Polizei gestellt, fleißig gegen die Bebauung des Gezi-Parks angesungen und auch gegen den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan demonstriert. Für viele waren die Çarşı-Leute deshalb die „Retter der Revolution“. 

In der ersten Folge geht es deshalb um die Rolle der Çarşı-Fans während der Gezi-Proteste von 2013 und warum wir sie unbedingt treffen wollten.

Derzeit laufen Anklagen gegen die Köpfe von Çarşı Istanbul. Ihnen wird unter anderem Putschversuch zur Last gelegt. Was das genau für eine Gruppe ist, könnt Ihr hier nachlesen. Am Wochenende schreibt Hakan mehr zu den Verhandlungen in Istanbul, die am 16. Dezember beginnen sollen. Folge 2 könnt ihr ab jetzt hier anschauen.

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Die Ultras von Çarşı – erst Dönermesser, dann Blutspenden

Ende Mai 2013 durfte ich wieder Tränengas schlucken. Endlich. Ich war in Istanbul. Der Zündfunk, mein Arbeitgeber, hat mich hingeschickt, um Radioreportagen vom Taksim-Platz zu machen. Auch die Polizei war happy –  trigger-happy, um genau zu sein. Sie hatte einen sehr flinken Finger am Abzug der Tränengas-Gewehre. In dem ganzen Nebel aus Reizgas immer dabei: die schwarz-weiß gestreiften Fußballtrikots der Beşiktaş Fans, genauer der Ultragruppe Çarşı.

Eine Woche lang machte ich mehrere Geschichten zu den Aufständen rund um das letzte Stück Grün in der Innenstadt der Megacity Istanbul, den Gezi Park. Die Stadtregierung wollte statt des Parks eine Shopping-Mall. Klingt nicht gerade nach einem Anlass zum Aufstand. Aber hey, El Salvador und Honduras haben wegen eines Fußballspiels Krieg geführt. Aufstand wegen eines Parks also. Und mittendrin: Die Fußballfans.

Die Kippe danach. Besiktas Fan im Mai 2013 nach Tränengas-Wahnsinn in Istanbul

Die Kippe danach. Besiktas Fan im Mai 2013 nach Tränengas-Wahnsinn in Istanbul

2013 war viel von einem Zusammenschluss der verfeindeten Ultra-Gruppen aller Istanbuler Vereine die Rede: Sie gingen gemeinsam auf den Taksim-Platz. Meine erste Story war ein Bericht über zwei junge Fußball-Ultras. Einer war von Beşiktaş, der andere von Fenerbahce. Ungewöhnliche Kombi. Vor 20 Jahren haben sich die beiden Fangruppen regelmäßig mit Dönermesser in der Hand begrüßt Mehr lesen

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COMING OF RAGE – Dahin gehen, wo es weh tut

„Immer dahin gehen, wo es wehtut.“ – Der Satz ist mal an meiner Uni gefallen. Die ist jetzt vorbei, die Welt ist ein ganzes Stück anders, aber der Satz stimmt immer noch – heute vielleicht sogar mehr als früher.

Angefangen hat mein Interesse für die Orte, an denen es weh tut, mit den Revolutionen in der arabischen Welt. Genauer: in Ägypten. Als die Revolution am 25. Januar 2011 losging, war ich in Kairo. Dahin gehen, wo es weh tut eben. Viele Ägypter werden sich das damals beim Fußmarsch zum Tahrir-Platz auch gedacht haben. Die heftigste Aussage in diesen Tagen war wohl die meiner Freundin Nadine in Kairo: “Wenn ich heute aus der Türe gehe, dann weiß ich nicht, ob ich am Abend lebend zurückkomme.” Seit damals habe ich extremsten Respekt vor Leuten, die für ihre Überzeugung auf die Straße gehen (außer sie sind Nazis), die aus ihrer Verzweiflung heraus demonstrieren (außer sie sind Nazis) oder ihren Regierungen einfach mal den Mittelfinger zeigen wollen (außer sie sind Nazis).

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Das „Macht mal ruhig“ funktioniert am Tahrir Platz in Kairo einfach nicht – zumindest 2011

Tahrir, Taksim, Plaza del Sol, Maidan

Die Jugend kann mit ihrer Überzeugung etwas verändern, auch im Großen. Egal ob auf dem Tahrir, bei den Occupy-Protesten, der spanischen Bewegung “15 de Mayo” (15. Mai) oder bei den Aufständen in Griechenland. Es gibt ein globales COMING OF RAGE. Aus unterschiedlichen Gründen, klar. Aber oft geht es gegen Unterdrückung, ziemlich oft geht es um Freiheit und immer dreht es sich auch ums Erwachsenwerden.

Zwischen Bengalos und Heroinspritzen

Deswegen haben wir – Adrian, Hakan und ich – in den letzten Monaten Leute in Griechenland und der Türkei besucht, die von ihrem COMING OF RAGE-Moment erzählen, gerade mitten drin stecken – oder ihren Rage, ihre Wut, vielleicht schon verloren haben. Da sind etwa die Fußball-Ultras von Çarşı Beşiktaş in Istanbul. Die Fußballfans waren während der Gezi-Proteste, die sich gegen den Umbau des beliebten Parks in Istanbul 2013 richteten, ganz vorne mit dabei. Sie schluckten Tränengas, bauten Barrikaden und kamen mit unglaublich witzigen Fangesängen um die Ecke. Da sind aber auch die Vergessenen der Finanz- und Staatskrise in Griechenland. Seit 2008 strauchelt das Land. Die Zahl der Drogensüchtigen ist in den gut sechs Jahren der Krise durch die Decke gegangen und seitdem nicht mehr heruntergekommen. Heroin und vor allem die neue Billigdroge Sisa bestimmen das Leben der jungen Süchtigen im Areos-Park in der Athener Innenstadt. Dort dealen, spritzen und leben sie. Diese beiden Storys von Jugend, Wut, Protest, Hoffnung und Verzweiflung werden wir Euch in der neuen Reihe COMING OF RAGE als erstes erzählen. Pro Woche ein Video, immer wieder Fotos, Texte oder auch mal einen Audio-Podcast.

Im Adeos Park in Athen: der Obdachlose Cristos raucht SISA

Im Areos Park in Athen: der Obdachlose Cristos raucht SISA

st_ry auf Tour in Athen und Istanbul

Für das Projekt “st_ry – Deine Doku” hat uns die Münchner Produktionsfirma vydy.tv in ein Flugzeug gesteckt, damit wir junge Menschen in Ausnahmesituationen treffen. Manche fliehen vor dem Elend um sie herum, manche planen Utopien, manche enden an der Spritze.

Die Frage, die mich dabei am meisten umtreibt: Wieso setzen junge Menschen auf der ganzen Welt so viel aufs Spiel – mal ihr Ansehen, ein anderes Mal sogar ihr Leben – um zu ändern, was sie umgibt? „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ – die Platte von Rio Reiser steht im Regal meiner Eltern. Es wird Zeit, die Platte und die Einstellung zu entstauben und mit Leben zu füllen. Egal, ob in Kairo, Istanbul, Athen oder Aschaffenburg. Action speaks louder than words.