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Folge 1 von 5: Çarşı – Die Retter der Revolution?

Bei den Gezi Protesten waren sie ganz vorne mit dabei: Die Fußball-Ultras von Çarşı. Sie haben sich gegen die Polizei gestellt, fleißig gegen die Bebauung des Gezi-Parks angesungen und auch gegen den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan demonstriert. Für viele waren die Çarşı-Leute deshalb die “Retter der Revolution”. 

In der ersten Folge geht es deshalb um die Rolle der Çarşı-Fans während der Gezi-Proteste von 2013 und warum wir sie unbedingt treffen wollten.

Derzeit laufen Anklagen gegen die Köpfe von Çarşı Istanbul. Ihnen wird unter anderem Putschversuch zur Last gelegt. Was das genau für eine Gruppe ist, könnt Ihr hier nachlesen. Am Wochenende schreibt Hakan mehr zu den Verhandlungen in Istanbul, die am 16. Dezember beginnen sollen. Folge 2 könnt ihr ab jetzt hier anschauen.

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Die Ultras von Çarşı – erst Dönermesser, dann Blutspenden

Ende Mai 2013 durfte ich wieder Tränengas schlucken. Endlich. Ich war in Istanbul. Der Zündfunk, mein Arbeitgeber, hat mich hingeschickt, um Radioreportagen vom Taksim-Platz zu machen. Auch die Polizei war happy –  trigger-happy, um genau zu sein. Sie hatte einen sehr flinken Finger am Abzug der Tränengas-Gewehre. In dem ganzen Nebel aus Reizgas immer dabei: die schwarz-weiß gestreiften Fußballtrikots der Beşiktaş Fans, genauer der Ultragruppe Çarşı.

Eine Woche lang machte ich mehrere Geschichten zu den Aufständen rund um das letzte Stück Grün in der Innenstadt der Megacity Istanbul, den Gezi Park. Die Stadtregierung wollte statt des Parks eine Shopping-Mall. Klingt nicht gerade nach einem Anlass zum Aufstand. Aber hey, El Salvador und Honduras haben wegen eines Fußballspiels Krieg geführt. Aufstand wegen eines Parks also. Und mittendrin: Die Fußballfans.

Die Kippe danach. Besiktas Fan im Mai 2013 nach Tränengas-Wahnsinn in Istanbul

Die Kippe danach. Besiktas Fan im Mai 2013 nach Tränengas-Wahnsinn in Istanbul

2013 war viel von einem Zusammenschluss der verfeindeten Ultra-Gruppen aller Istanbuler Vereine die Rede: Sie gingen gemeinsam auf den Taksim-Platz. Meine erste Story war ein Bericht über zwei junge Fußball-Ultras. Einer war von Beşiktaş, der andere von Fenerbahce. Ungewöhnliche Kombi. Vor 20 Jahren haben sich die beiden Fangruppen regelmäßig mit Dönermesser in der Hand begrüßt Mehr lesen

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COMING OF RAGE – Dahin gehen, wo es weh tut

“Immer dahin gehen, wo es wehtut.” – Der Satz ist mal an meiner Uni gefallen. Die ist jetzt vorbei, die Welt ist ein ganzes Stück anders, aber der Satz stimmt immer noch – heute vielleicht sogar mehr als früher.

Angefangen hat mein Interesse für die Orte, an denen es weh tut, mit den Revolutionen in der arabischen Welt. Genauer: in Ägypten. Als die Revolution am 25. Januar 2011 losging, war ich in Kairo. Dahin gehen, wo es weh tut eben. Viele Ägypter werden sich das damals beim Fußmarsch zum Tahrir-Platz auch gedacht haben. Die heftigste Aussage in diesen Tagen war wohl die meiner Freundin Nadine in Kairo: “Wenn ich heute aus der Türe gehe, dann weiß ich nicht, ob ich am Abend lebend zurückkomme.” Seit damals habe ich extremsten Respekt vor Leuten, die für ihre Überzeugung auf die Straße gehen (außer sie sind Nazis), die aus ihrer Verzweiflung heraus demonstrieren (außer sie sind Nazis) oder ihren Regierungen einfach mal den Mittelfinger zeigen wollen (außer sie sind Nazis).

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Das “Macht mal ruhig” funktioniert am Tahrir Platz in Kairo einfach nicht – zumindest 2011

Tahrir, Taksim, Plaza del Sol, Maidan

Die Jugend kann mit ihrer Überzeugung etwas verändern, auch im Großen. Egal ob auf dem Tahrir, bei den Occupy-Protesten, der spanischen Bewegung “15 de Mayo” (15. Mai) oder bei den Aufständen in Griechenland. Es gibt ein globales COMING OF RAGE. Aus unterschiedlichen Gründen, klar. Aber oft geht es gegen Unterdrückung, ziemlich oft geht es um Freiheit und immer dreht es sich auch ums Erwachsenwerden.

Zwischen Bengalos und Heroinspritzen

Deswegen haben wir – Adrian, Hakan und ich – in den letzten Monaten Leute in Griechenland und der Türkei besucht, die von ihrem COMING OF RAGE-Moment erzählen, gerade mitten drin stecken – oder ihren Rage, ihre Wut, vielleicht schon verloren haben. Da sind etwa die Fußball-Ultras von Çarşı Beşiktaş in Istanbul. Die Fußballfans waren während der Gezi-Proteste, die sich gegen den Umbau des beliebten Parks in Istanbul 2013 richteten, ganz vorne mit dabei. Sie schluckten Tränengas, bauten Barrikaden und kamen mit unglaublich witzigen Fangesängen um die Ecke. Da sind aber auch die Vergessenen der Finanz- und Staatskrise in Griechenland. Seit 2008 strauchelt das Land. Die Zahl der Drogensüchtigen ist in den gut sechs Jahren der Krise durch die Decke gegangen und seitdem nicht mehr heruntergekommen. Heroin und vor allem die neue Billigdroge Sisa bestimmen das Leben der jungen Süchtigen im Areos-Park in der Athener Innenstadt. Dort dealen, spritzen und leben sie. Diese beiden Storys von Jugend, Wut, Protest, Hoffnung und Verzweiflung werden wir Euch in der neuen Reihe COMING OF RAGE als erstes erzählen. Pro Woche ein Video, immer wieder Fotos, Texte oder auch mal einen Audio-Podcast.

Im Adeos Park in Athen: der Obdachlose Cristos raucht SISA

Im Areos Park in Athen: der Obdachlose Cristos raucht SISA

st_ry auf Tour in Athen und Istanbul

Für das Projekt “st_ry – Deine Doku” hat uns die Münchner Produktionsfirma vydy.tv in ein Flugzeug gesteckt, damit wir junge Menschen in Ausnahmesituationen treffen. Manche fliehen vor dem Elend um sie herum, manche planen Utopien, manche enden an der Spritze.

Die Frage, die mich dabei am meisten umtreibt: Wieso setzen junge Menschen auf der ganzen Welt so viel aufs Spiel – mal ihr Ansehen, ein anderes Mal sogar ihr Leben – um zu ändern, was sie umgibt? “Macht kaputt, was euch kaputt macht” – die Platte von Rio Reiser steht im Regal meiner Eltern. Es wird Zeit, die Platte und die Einstellung zu entstauben und mit Leben zu füllen. Egal, ob in Kairo, Istanbul, Athen oder Aschaffenburg. Action speaks louder than words.

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SAMMY KHAMIS

Sammy Khamis arbeitet als freier Journalist vor allem fürs Radio (u.a. BR, SWR, ORF). Dazu unterstützt Sammy die letzten Hersteller von analog Fotofilmen (ja gibts noch) und entwickelt gerne in der Dunkelkammer (ist so was wie Photoshop, nur zum reingehen). 2011 war er zufällig in Kairo auf dem Tahrir-Platz, als der Arabische Frühling in Ägypten begann. Mittlerweile ist er mindestens vier Mal im Jahr in Ägypten und berichtet von dort oder von anderen politischen Unruhen. Mit Kamera und Aufnahmegerät hat er seitdem auch die Proteste in Istanbul begleitet.

Sammy fuer Seite

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DANIEL BRÖCKERHOFF

Daniel Bröckerhoff ist freier TV-Autor und Reporter, wohnt in Hamburg und im Internet, arbeitet bislang hauptsächlich für die Fernsehsendungen Klub Konkret (EinsPlus), ZAPP (NDR) und Zoom (ZDF). Stationen: Webdesigner, Journalistikstudium, RTL Journalistenschule, öffentlich-rechtliches Fernsehen. Jetzt immer auf der Suche nach einer Wahrheit, einem Gesprächspartner oder wenigstens einem lustigen Youtube-Film.

Wirft weder Flinte, noch Handtuch, sondern eine erste Folge ins Netz: st_ry-Reporter Daniel

Wirft weder Flinte, noch Handtuch, sondern eine erste Folge ins Netz: st_ry-Reporter Daniel

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bahn.bonus-Programm mit Marketing-Terror-Androhung

Meine neue Bahncard kam jüngst an, kurz darauf gefolgt von einem Schreiben der DB: Wenn ich weiter am bahn.bonus-Programm teilnehmen wollte, müsse ich nochmal meine Einwilligung geben.

Kurze Erklärung: Das bahn.bonus-Progamm ist sowas wie Miles & More von der Lufthansa. Fahren, Punkte sammeln, Prämien kassieren. Ich hab jüngst jede Mege Plunder gegen meine erfahrenen Punkte getauscht, mir aber nie weiter Gedanken gemacht. Typisch Verbraucher halt.

Jetzt lese ich in dem neuen Einwilligungsschreiben:

Abwicklung und.... na klar: Marketingzwecke.

Abwicklung und…. na klar: Marketingzwecke.

Na klar: Die Daten werden zu “Marketingzwecken verwendet, d.h. zur werblichen Ansprache bestimmter Teilnehmer”. Bislang hab ich keine Werbepost bekommen. Muss ich jetzt Angst vor explodierenden Briefkästen haben?

Widersprechen kann man dem Marketingterror natürlich auch. Aber nicht praktisch auf dem Rückschreiben. Sondern das muss man schön einzeln tun:

Wollen Sie nicht? Müssen sie ne Mail schreiben. Orr...

Wollen Sie nicht? Müssen sie ne Mail schreiben. Orr…

Immerhin: Man kann ne Mail schreiben und muss kein Einschreiben mit Rückschein einsenden. Trotzdem: Wieviele bahn.bonus-Programm-Teilnehmer werden von diesem”opt out”-Recht Gebrauch machen? Genau.

Deswegen fordern Datenschützer schon sehr lange, dass “Opt in” die Standart-Einstellung bei solchen Dingen ist. Heißt: Der Kunde muss aktiv seine Einwilligung geben, dass er Werbung haben möchte. In dem er zum Beispiel ein Kästchen ankreuzt. “Macht aber keiner”, jammern die Werbetreibenden und lobbyieren deswegen dagegen. Fragt sich nur, liebe Werbeleute: Warum macht das denn keiner?

Ich habe jetzt in einer Mail widersprochen, dass ich Werbemüll kriege und von der Bahn Auskunft darüber verlangt, was sie so über mich wissen. Bin gespannt, wann die Antwort kommt.

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Guten Morgen, NSA… – und wie man sich jetzt noch wehren kann

Und die NSA so: WE OWNZ YOUR INTORWEBZ! Und wir alle so:

Guten Morgen, liebes Internetz. Hier die neuesten Nachrichten: Die NSA fischt nicht nur in großen Teilen den internationalen Netzverkehr mit, sondern hat auch Mittel und Wege gefunden, Hintertüren in Kommunikations- und Verschlüsselungssoftware zu bauen.

Außerdem klauen sie Verschlüsselungsschlüssel von Firmen, damit sie verschlüsselte Verbindungen aufknacken können. Dieses Wissen, das keiner haben wollte, aber man mittlerweile fast erahnen konnte, hat der Guardian aus dem Snowden-Schatz gefischt.

Die NSA und der britische Geheimdienst GCHQ wollte allerdings nicht, dass wir das wissen und sie haben versucht die Berichterstattung zu verhindern. Nationale Sicherheit und so. Hat nicht geklappt.

Meine Antwort:

Eine schöne Antwort auf das Thema hat auch Rapper Motrip mit Kumpel Elmo gefunden und einen zeitgemäßen Überwachungs-Sprechgesang auf elektronische Schlagzeugrhythmen gesprochen (gefunden via spreeblick):

“Der NSA-Präsident kennt die Farbe meiner Unterhose / Sie wissen worauf ich mir abends einen runterhole / Ich habe Salat in meiner Tupperdose / Aber sie / denken nur an Biowaffen, wenn man den Araber sieht / Diese Stasi-Methoden, sie sind quasi verboten / Aber wir meckern nicht, denn so hat Vater Staat uns erzogen.”

Und nu?

Einzig richtige Antwort eines aufgeklärten Bürgers: Trotzdem Protestieren. Und elektronische Kommunikation verschlüsseln. Im letzterem bin ich auch noch ziemlich schlecht, weil Bequemlichkeit und so und dann hat man ja auch immer keine Zeit.

Ein wenig erinnert mich das Verschlüsselungsthema an mein derzeitiges Ernährungsumstellungs-Experiment: Man sträubt sich damit anzufangen, weil man Mühe und Umstellung auf sich zukommen sieht. Und es ist noch lange kein Gesellschaftstrend wie Veganer-sein. Eher ein Freak-Thema für schizoide Paranoiker. Obwohl wir gerade vorgeführt bekommen, warum eigentlich alle verschlüsseln sollten.

Warum verschlüsseln?

Phil Zimmermann hat vor ziemlicher langer Zeit mal eine gute Methode entwickelt, um Emails zu verschlüsseln. Nennt sich PGP für Pretty Good Privacy, also “ziemlich gute Privatsphäre”. Im Interview mit Zeit Online sagt er “Verschlüsselung ist Bürgerpflicht” und erklärt auch wieso:

“Kennen Sie den Film Spartakus? Es geht um einen Sklavenaufstand im alten Rom. Der römische Feldherr verspricht allen Sklaven ihre Freiheit, wenn sie ihren Anführer, Spartakus, ausliefern. Bevor der sich zu erkennen geben kann, steht ein anderer auf und sagt: “Ich bin Spartakus”.

Nach und nach stehen alle auf, um Spartakus zu schützen. Das ist es, was wir auch tun müssen: Wir alle müssen lernen, unsere Kommunikation zu schützen, denn damit bieten wir anderen Menschen Schutz. Wenn wir unsere Gesellschaft vor einer schlimmen Zukunft bewahren wollen, muss Verschlüsselung zur Bürgerpflicht werden.”

Und nein, ich und keiner will, dass es Terrorismus gibt oder Cyberkriminalität oder andere ätzende Dinge. Nur: Die Welt wurde noch nie sicherer oder besser, weil Menschen abgehört wurden und Geheimdienste ihre geheimen Dienste erfüllt haben.

Im Falle NSU haben die in Deutschland im Gegenteil großartig versagt. Man findet nämlich immer das, was man finden will.

Daher mach ich jetzt den ersten Schirrt und teste derzeit mit meiner Freundin die Whatsapp-Alternative Threema, über die Zeit Online-Kollege Patrick Beuth auch schon berichtet hat. Da ist die Kommunikation nämlich verschlüsselt.

Mein bisheriges Fazit: ganz ordentlich. Keine Gruppen-Chats wie whatsapp und bei der Einrichtigun ein μ umständlicher, aber völlig praktikabel und (wie bei vegetarischer Ernährung) das gute Gefühl, etwas Richtiges zu tun.

Weiterführend werde ich mir dann endlich mal das Tutorial von Patrick Beuth reinpfeifen, der schon im Januar die Serie “Mein digitaler Schutzschild” geschrieben hat. Dort erklärt er, wie man sich im Netz bestmöglich schützt. Auch beim Guardian hat man Tipps, wie man sich gegen Abhören schützen kann. Kann ich jedem nur empfehlen.

Und was ist mit Protestieren?

Kann man morgen, in Berlin. Um 13 Uhr beginnt die Demonstration “Freiheit statt Angst” am Alexanderplatz. Busse fahren aus allen größeren Städten (außer Hamburg).

Und während ich das hier schreibe, flattert die neue brandeins ins Haus. Und darin geht es – Überraschung – um Datenschutz und Co. Hier der Heftinhalt.